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Das Apfelschiff


20. April 2017

Es gibt über 100.000 Imker in Deutschland aber nur weniger als ein Prozent dieser Imker sind tatsächlich Berufsimker. Es sind also über 99 Prozent aller Imker in Deutschland die Bienenpflege eher als Freizeitbeschäftigung sehen. Aber wie sieht die Geschichte hinter den Bienenvölkern aus? Eine Imkerin in Hollingstedt an der Treene hat mir gezeigt, was neben den Bienen passiert.
Inde Sattler (Dipl. agr. Ing. Landwirtin) lebt nicht nur in Hollingstedt, sondern arbeitet auch dort. Mit Bernd Hagge-Nissen (Dipl. agr. Ing. Baumschuler)haben beide eine jungen Bioland Obstbetrieb aufgebaut, welcher liebevoll das Apfelschiff getauft wurde.
Mitte April durfte ich freundlicherweise spontan einen Blick auf die Arbeitsweise werfen, die dieses Schiff in Fahrt hält. So bin ich morgens um 9:00 Uhr, mit dem Fahrrad, raus in die wilde Landschaft Schleswig Holsteins gefahren.
Schnell wurden die beiden ehemaligen Maisäcker gefunden, die als Bioland Obstplantage ausgeschildert wurden. Auch schnell fand ich Bern Hagenissen der bereits die Zukunft sicherte und eine Reihe von Bäumen nicht veredelte, sondern sie gänzlich umedelte, also die Krone absägte um eine andere Sorte zu implantieren.
Aber dies war legendlich der Anfang. Inde Sattler nahm mich mit und erläuterte mir das Prinzip des Apfelschiffes, denn die heutigen Obst und Gemüse Sorten wurden künstlich hochgezüchtet. Sodass Ertrag, Geschmack und Konsistenz gewährleistet ist. Das alles hat aber die Kosten einer hohen Anfälligkeit für Krankheiten und andere Nebeneffekte. Die Antwort auf die Genetische Degeneration durch Überzüchtung sind starke Pestizide und intensive Düngung, da durch die Pestizide ja auch Nützlinge zu Grunde gehen.
Diese im Labor hochgezüchteten Sorten werden patentiert und teuer verkauft, wobei die Ernten dieses Saatgutes sich nicht zur erneuten Aussaat eignen. Landwirte und Gärtner können absurder Weise die Saat ihrer eigenen Ernte nicht aussähen.
Das Apfelschiff aber stemmt sich gegen diese Vergewaltigung der Natur. Im Rahmen des Projektes „apfel:gut“, welches ein Schwesterprojekt von „saat:gut“ im gleichnamigen Verein ist, arbeiten Inde und Bernd mit anderen ökologischen Landwirten zusammen. Unabhängig von den Saatgutgiganten werden solide und ordentliche Apfelsorten aus der kulturellen Vielfalt der örtlichen Sorten herangezüchtet und gleichzeitig aktiver Naturschutz betrieben.
Wichtig für den Verbraucher sind bei den Äpfeln die Farbe, der Geschmack und die Konsistenz. Kaum einer möchte einen grünen mehligen weichen Apfel kaufen. Ein roter knackiger süßer hingegen ist sehr beliebt. Frau Sattler muss nun Sorten auf natürliche Art und Weise kreuzen um so z.B. eine wohlschmeckende, knackige aber grüne Sorte mit einer roten Sorte zu kombinieren um den perfekten Apfel zu kreieren.
Neben vielen Sorten Äpfel werden auch Birnen Quetschen Pflaumen und Quitten herangezogen. Diese werden wie die Äpfel roh verkauft, oder aber als Saft oder Mischsaft.
Als Grundlage für eine solide und verkaufbare Apfelsorten werden gute alte Sorten mit vielen Stärken gebraucht. Ungefähr 150 verschiedene Sorten werden auf der Plantage gehalten und zur Züchtung benutzt. Vor allem alte bereits bekannte und solide Sorten werden verwendet, wie z.B. der Topaz. Diese können auch mit ökologischen Pflegemaßnamen einen anständigen Ertrag hervorbringen. Denn anders als bei der konventionellen Obsterzeugung greift das Apfelschiff auf die Natur zurück.
Der Natur Verbunden sind auf der Plantage eine große Anzahl unterschiedlicher Nisthilfen für Nützlinge aufgebaut. Ein klassisches Wildbienenhotel zur zusätzlichen Bestäubung, Fledermauskästen für die Insektenjäger der Dämmerung, eine Greifvogel Stütze um den Kleinsäuger entgegenzuwirken und mehr.
Selbstverständlich werden auf der Plantage auch Bienen gehalten welche die Brücke zwischen De Immen e.V. und dem Apfelschiff darstellen. Bienenvölker sind unerlässlich um einen großzügige Ernte zu sichern. Zwar gibt es auch andere Bestäuber wie Wildbienen oder gar der Wind, allerdings sind die Honigbienen unschlagbar effizient und, was sehr wichtig ist, die Bienen sind Blütenstet. Durch die Blütenstetigkeit (die Wiederholung des Besuchs eines Bestäubers an Blüten derselben Art über einen längeren Zeitraum)wird die Befruchtungsrate der Apfelbäume noch einmal gesteigert.
Die Beuten selber wandern tatsächlich übers Jahr zu attraktiven Standorten, denn sind die 4 ha Bioland eher eine Oase in der Wüste der Artenlosigkeit. So ist die Stationierung innerhalb des Dorfes für die Bienen von Vorteil, da auf dem Land die Monokultur und die Exklusion von Beikräuter ein reichhaltiges Nahrungsangebot für die Bienen unterbindet.
Nachdem also Inge mir ihren Arbeitsplatz gezeigt und erläutert hatte sollte ich auch selber etwas leisten. Meine Aufgabe bestand im Terminieren der Konkurrenzflora, oder schlicht im Unkraut jäten, damit die Apfelbäume Luft kriegen.
Als letzte Amtshandlung erkundete ich schließlich den Hof von den beiden Naturfreunden, welche auch als Verkaufsstätte dient.
Mir wurden die Kühe gezeigt, welche sich direkt hinter dem Haus befinden und die natürliche Düngung liefern, sowie das kleine Treibhaus indem die Setzlinge der neuen Sorten, geschützt vom Frost, angezüchtet werden. Diese werden später auch auf der Obstplantage eingepflanzt und großgezüchtet.
Als Abschiedsgeschenk und als Bezahlung für meine Arbeit bekam ich noch drei Flaschen köstlichen Apfelsaft mit auf den Weg, welcher großartig geschmeckt hat. Insgesamt war es ein tolles Erlebnis und eine bewundernswerte Geschichte hinter den Bienen.
Für mehr Informationen besucht die Seite „www.saat-gut.org“!

Jörn Prochnow

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